„Getränke-Newsletter Online“ führt regelmäßig Interviews mit führenden Persönlichkeiten aus der Getränke-Szene. Gestellt werden fünf Fragen. Diesmal sprach Herbert Latz-Weber mit Wilhelm Steifensand von der Inhaberfamilie des ältesten familiengeführten Weinexporthauses Deutschlands und zugleich eines der ältesten Weinhandelshäuser, P.J. Valckenberg in Worms. Es feiert 2008 gleich zwei Jubiläen. Steifensand (54) leitet die Geschäftsführung seit 1988.
? Herr Steifensand, Sie leiten die Geschäftsführung seit 1988 haben seitdem viele wichtige Entscheidungen getroffen. 1986 erfolgte die Gründung von Valckenberg International, Inc. In Tulsa, Oklahoma, USA und es folgte der Ausbau der Geschäfte in Asien, insbesondere in China. Wie stellt sich das Unternehmen heute nach der Restrukturierung des Gesamt-Unternehmens wirtschaftlich dar?
! Wenn ein Haus 222 Jahre alt ist, dann darf man auch mal durch die „historische Brille“ gucken, - eigentlich entwickeln wir uns zurück, - nämlich in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, zu welcher wir Weine in bedeutenden Mengen aus der anerkannten Spitzenlage Kirchenstück an der Wormser Liebfrauenkirche und aus den übrigen Lagen der heutigen Großen Gewächse in alle Erdteile lieferten. Nach den beiden Weltkriegen und dem Zusammenbruch konzentrierte sich der Export erst auf Großbritannien und Skandinavien, dann immer mehr auf die USA. In Asien öffneten sich die Märkte erst wieder seit 1970 und heute sind wir wieder mit genau diesen Weinen fast überall in der Welt zu finden.
? Das Weinhandelshaus P.J. Valckenberg feiert Doppel-Jubiläum. Zum einem 200 Jahre Liebfrauenstift-Kirchenstück und zum anderem 100 Jahre Markenwein Liebfraumilch Madonna. Welche Aktivitäten sind in Handel und Gastronomie sowie vor Ort in Worms geplant?
! Geplant sind feierliche Aktivitäten, die im Herbst stattfinden werden. Unter anderem laden wir zu einem Benefizkonzert zu Gunsten der Liebfrauenkirche Handelskunden und Pressevertreter aus Deutschland, Europa, Nordamerika und Asien ins Liebfrauenstift nach Worms ein. Außerdem bieten wir seit dem 1. Mai eine 2007er MADONNA 100-Jahre-Jubiläums–Abfüllung an. Zum 200-Jahre-Jubiläum „Weinbergsbesitz im Kirchenstück“ wird es ab Herbst eine Erzeugerabfüllung, eine 2007er Riesling Spätlese trocken mit einem Valckenberg Liebfrauenstift-Etikett aus dem Jahre 1862 geben.
? Das Jahr 1908 als „Geburtsjahr des ersten deutschen Markennamens für Wein "Madonna". Welche Bedeutung haben für Sie Markenweine, worin sehen Sie den Unterschied zu den üblichen Winzerweinen?
! Für den Verbraucher bedeutet ein Markenwein „weitgehende geschmackliche Sicherheit“ für den Wein, den er Jahrgang unabhängig kennt und deshalb kauft. Für Verbraucher, die den Wein noch nicht kennen sollte er geschmacklich das darstellen, was der in der Regel unerfahrene Neukunde sucht. – Für den Erzeuger stellen diese Kriterien keine ganz leichte Aufgabe dar, denn jeder Jahrgang bringt klimabedingt veränderte Weine hervor. Während der Weinkenner sich von Winzerweinen genau das wünscht: Abwechslung erwartet der Markenwein-Konsument in diesem Jahr den gleichen Geschmack wie im vergangenen. Beides hat völlig seine Berechtigung. Was das Getränk „Wein“ weltweit zum „Volksgetränk“ gemacht hat, war ganz klar der Markenwein!
? Das Liebfrauenstift-Kirchenstück des Weingutes Valckenberg gilt als ein Stück deutscher Weingeschichte. Was zeichnet es heute aus?
! Selbstverständlich ist in erster Linie die Qualität eines Weines maßgeblich. Die Böden in den einzelnen Parzellen um Kirche und Liebfrauenstiftsgebäude herum (100 Meter vom Rhein entfernt) sind besonders fruchtbar, die weinbaulichen Bedingungen sind seit 500 Jahren so, wie der Winzer es sich wünscht. Der Leiter unseres Weingutes, Tilman Queins, unterstützt durch seinen naturnahen Umgang den Weinberg und bringt so „gemeinsam mit ihm“ beachtenswerte Qualitäten hervor!
Wer darüberhinaus rein analytisch an die „Materie Wein“ herangeht, erreicht bald das Ende. Zum Weingenuss gehört mehr. Wenn Sie die Geschichte eines Weinberges lesen, der im 17. Jahrhundert das erste Mal erwähnt wird, um eine bedeutende Wallfahrtskirche angelegt wurde, in dem nachweislich und buchstäblich die Wiege des deutschen Weinexportes lag, dessen Weine auf den Tafeln aller Herrscherhauser zu finden waren, dann genießt man den Kirchenstück Wein „tiefer“, - so war’s vor 200 Jahren und so ist es auch heute.
? Wie lauten Ihre Pläne für die Zukunft der kommenden zehn Jahre? Ist ein Nachfolger schon in Sicht?
! Das Weingut ist nun 200 Jahre alt, das Handelshaus 222, - in der 7. Generation als Geschäftsführender Gesellschafter unseres noch immer 100%igen Familienunternehmens sehe ich mich als „Kettenglied“ zwischen der 6. und 8. Generation. Meine Frau und ich haben 3 Kinder, meine Schwester ebenfalls, weitere Vettern und Cousinen, die noch Anteilsinhaber sind haben auch welche.
Theoretisch kommen alle Nachfahren unseres 4 x Ur-Großvaters in Frage. Im Vordergrund muss kaufmännisches Können (!) stehen. Nachhaltigen Erfolg schreibe ich aber der zusätzlichen „persönlichen Note“ der Familienmitglieder in der Geschäftsleitung zu. Einen „designierten“ Nachfolger(in) gibt es noch nicht. In den kommenden 10 Jahren werde ich unsere Exporte von deutschen Qualitätsweinen konsolidieren und auf allen Kontinenten ausbauen. Selbstverständlich wird auch hier der Wein, der die Wurzel unseres Unternehmens darstellt, das Liebfrauenstift-Kirchenstück, eine wichtige Rolle spielen.