Das Interview des Monats mit Jared Brown (Sipsmith)

Fünf Fragen – fünf Antworten – Master Distiller Jared Brown (Foto HLW)
„Getränke-Newsletter Online“ von infodienst.de führt (un)regelmäßig Interviews mit führenden Persönlichkeiten aus der Getränke-Szene. Gestellt werden fünf Fragen. Diesmal sprach Herbert Latz-Weber mit Jared Brown (54), Master Distiller bei Sipsmith in London und Global Ambassador International. Brown (Foto) betreibt die erste Kupfer-Destillerie in London seit fast 200 Jahren und will den London Dry Gin wieder in die Stadt zurückbringen, die ihm seinen Namen gab. Das Craft-Spirit-Unternehmen wächst prozentual Dreistellig. Ziel ist die Vermarktung vor allem der hauseigenen Gin-Spezialitäten. Jared entwickelte 1998 erstmals ein Gin-Rezept für das erste Mikrobrennerei-Restaurant in den USA und gilt heute als Pionier des Gin-Revivals. Seit fünf Jahren zählt Sipsmith zu der Top 10 der weltweit angesagtesten Gins. 2015 wurde die Destillerie von CoolBrands als „Craft Distillery of the Year“ und „Britain’s #1 Gin“ nominiert.

? Herr Brown, Sie gelten als Getränkehistoriker, Familienvater, Buchautor, Bonvivant, Cotswold Gärtner und Gin-Liebhaber und Gin-Rezepte Kreateur. Sie sind ein wandelndes Genie sagen ihre Freunde und Familie. Sie haben die preisgekrönte Mixtur für den Sipsmith London Dry Gin kreiert. Wie kam es dazu?
! Jared Brown: Im Alter von 7 Jahren kam ich erstmals mit Wein in Berührung, den ersten Likör probierte ich mit 11. Viele Jahre später hatte ich die Gelegenheit zu einem 3jährigen Weintraining und kam zu dem Ergebnis: es muss mehr geben. Meine erste Liebe entstand dann 1995 zu Martini; Gin folgte 1998 – nach Destillateur Lehrstunden in Schweden und Norwegen. Die Folge: Die Wiederentdeckung Londons als Heimatmarkt des Dry Gin war geboren. Von Anfang an stand dabei die Qualität im Vordergrund und die Gründung einer verschworenen Gin-Gemeinschaft – der „Sipping Society“ mit heute über 1.000 Mitgliedern.

? Sie arbeiten seit über zehn Jahren für Sipsmith. Sie selbst tragen einen geläufigen Nachnamen. Was bedeutet Sipsmith und wie kam es zu dem ungewöhnlichen Namen für einen Gin?
! Einer meiner Vorväter war Silberschmied und meine Mutter eine geborene Smith; daher rührt der Name Smith. Sips steht im englischen für „ein Schlückchen nehmen“. Da ich früh schlückchenweise Alkohol probiert habe, entstand so der Name „Sipsmith“.

? Gin gilt als Getränk der britischen Monarchie, erlebte Höhen und Tiefen. Seit wenigen Jahren erlebt der Gin-Markt international eine echte Renaissance. 2003 lag der Anteil von, Gin und Genever (Wacholderschnäpse) am Gesamtmarktangebot Spirituosen in Deutschland bei 1,2 %. Gut 15 Jahre später liegt der Wert bei 1,5 %, wobei sich die Bezugsgröße Fertigware laut BSI-Daten verringert hat. Kann man da von einem Gin-Boom in Deutschland sprechen und welche Rolle spielen dabei „limited Editions“?
! Die deutschen Marktdaten sind mir nicht so geläufig. Wir selbst sehen aber einen Ginboom in Deutschland und der ganzen Welt und erleben einen Boom für unsere Marke. Immer mehr Fans kommen mit unseren Sipsmith in Berührung. Limited Editions spielen für uns sicherlich eine wichtige Rolle, vor allem für unsere Society-Mitglieder. Primär aber steht unser Klassiker im Vordergrund.

? Der Wacholdermarkt treibt echte Blüten. Aktuell gibt es einen Gin Baukasten, mit dem sich jeder seinen ganz persönlichen Gin kreieren kann. Acht ausgewählte Botanicals versprechen unzählige Kombinationsmöglichkeiten. 40.320 Eigenkreationen sind angeblich mit Private Gin möglich. Wird dies den Gin-Markt beflügeln oder sind solche Ideen eine Konkurrenz zu handwerklich kreierten Craft-(Bio)-Gins a la London Dry Gin und bekannten traditionellen Gin-Marken?
! Ich fürchte, das Gin-Kit ist eher ein Äquivalent zu einem Kinderspielzeugherd. Es bedarf schon mehr als einfach Botanicals in den Brand zu schütten, um einen großen Gin zu erzeugen. Ich sehe darin also keinen Wettbewerb für gut destillierten Gin. Wie ein Kinderherd bieten diese Kits den Verbrauchern allerdings die Möglichkeit, die Konzepte und Aufbau von Gin zu erforschen, um ein besseres Verständnis über den komplexesten aller Spirituosen zu entwickeln. Ich freue mich, den Gin-Baukasten in den Verkaufsregalen und Händen der Verbraucher zu sehen. Sie zeigen, wie sehr das Interesse der Menschen an Gin gewachsen ist. Sie tragen dazu bei, mehr Verständnis für die Alchemie zu wecken, die wir bei der Herstellung von traditionellem Gin und seine Zutaten anwenden.

? Die Zeit wandelt sich. Nach der Vodka, Whisk(e)y, Rum und Gin-Welle erwarten Experten eine „Schnaps“-Welle – zumindest in Deutschland. Planen Sie den Spirituosenmarkt in Zukunft mit weiteren hochgeistigen Innovationen und Rezepten zu erfreuen?
! Wir werden weiterhin im Sipsmith-Labor experimentieren. Unsere Produktionsabteilung besteht aus bemerkenswert kreativen Mitarbeitern. Die Herstellung von London Dry Gin, VJOP, Sloe Gin und anderen etablierten Produkten erfordert es, Meister der Nachahmung unserer Formeln zu werden. Das Testen neuer Ideen und die Wiederentdeckung längst verlorener Gin-Stile ist die logische Konsequenz. Wenn unsere Vergangenheit ein Hinweis erlaubt, dann werden in Zukunft die besten unserer Experimente unweigerlich aus der Destillerie stammen. Unser VJOP, London Cup und Lemon Drizzle starteten alle als kleine Experimente, um nur einige zu nennen. Ich freue mich auf eine Wiederbelebung des Schnapsboom in Deutschland. Ich bin sicher, dass es viele wunderbare traditionelle Brände und Geiste gibt, die derzeit noch vor sich her schlummern. In der Zwischenzeit hoffe ich, dass in deutschen Bars immer Platz für mindestens einen guten traditionellen Craft-Gin aus London ist, der in einem Guss im Kupferkessel hergestellt wurde – so wie Gin früher hergestellt wurde und wie er auch sein sollte.
? Vielen Dank! -HLW (Deidesheim)

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